Montessori
Landesverband
Baden-Württemberg e.V.

Vortrag und Workshop von Petra Wöbcke-Helmle und Thomas Helmle zum „Stellenwert der Kosmischen Erziehung in der Montessori-Arbeit und -Ausbildung“, Wernau 2004

In ihrem Vortrag zum Stellenwert der Kosmischen Erziehung in der Montessori-Arbeit gaben Petra Wöbcke-Helmle und Thomas Helmle einen Überblick über die Entwicklung des Konzeptes einer „Kosmischen Erziehung“ (nachfolgend KE abgekürzt) im Werk Maria und Mario Montessoris und betonten die Bedeutung ihrer Zeit in Indien, welche eine Schlüsselstelle für ihre Sicht der KE darstellt (s. Ela Eckert und Übersicht 1 als pdf-Datei mit 114 KB).

Durch vielfältige Dokumente aus den jeweiligen Zeiten, besonders auch durch von Montessori ausgestellte Befähigungsurkunden/Diplome und ihrer Gültigkeitsbereiche, wurde illustriert, dass Montessori vor ihrem Aufenthalt in Indien ihr pädagogisches Konzept für das Kinderhaus auf die Schuljahre hinaus verlängerte. Während und nach ihrer Zeit in Indien entwickelte sie gemeinsam mit ihrem Sohn Mario jeweils eigenständige Konzepte für die Kleinkindzeit (0-6 Jahre, unterteilt in 0-3 und 3-6 Jahre), die Kindheit (6-12 Jahre), die Adoleszenz (12-18 Jahre) und die Reifezeit (18-24 Jahre). In zwei Übersichten aus den frühen 50-er Jahren hat sie diese Struktur zusammengefasst: „The four planes of developement“ (s. Übersicht 2 und Übersicht 3 als pdf-Dateien mit 133 und 123 KB).

Aus dem Blickwinkel ihres Spätwerkes wird KE als ein Erziehungskonzept verstanden, das „die pädagogische Antwort auf die Entwicklungsbedürfnisse von Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren“ darstellt (Montessori-Zitate - Übersicht 4 als pdf-Datei mit 146 KB)

KE ist also weder als Erziehungskonzept für die 0 bis 6-Jährigen noch für die über 12-Jährigen gedacht. Allerdings soll im Kinderhaus - auch inhaltlich - auf das Konzept KE vorbereitet werden. Zudem wird in der Arbeit mit über 12-jährigen Kindern und Jugendlichen auf KE zurückgegriffen und aufgebaut. Dies könnte man folgendermaßen zusammenfassen:

1. Die Zeit von 3 bis 6 Jahren kann man als Vorbereitung auf die “KE-Zeit“ mit dem Stichwort Welt-Wissen (Aneignen, Kennenlernen von Tatsachen und Phänomenen, Klassifikation, Frage „Was gibt es und wie ist es?“) beschreiben.

2. Die Altersstufe von 6 bis12 Jahren kann man als eigentliches Alter für das Konzept KE mit dem Begriff Welt-Erkunden (Frage nach den großen Zusammenhängen und dem „Warum?“) fassen.

3. Danach kämen dann zwei Umsetzungsphasen unter dem Stichwort: Welt-Handeln

Nach Miller/Grazzini stellten die Referenten anschließend eine Übersicht über die Inhalte/Arbeitsbereiche der KE dar (Übersicht 5 als pdf-Datei mit 59 KB), welche sie mit Beispielen im anschließenden Workshop illustrierten.

In der AMI-Tradition finden sich fünf „große Erzählungen“ (Cosmic tales) zur „Kosmischen Erziehung“ mit Schaubildern, die als „panoramaartige Überblicke“ die großen Zusammenhänge für Grundschulkinder in verständlicher Form darstellen sollen:

1. Geschichte des Universums „Gott hat keine Hände“

2. Die Entstehung des Lebens

3. Die Entwicklung des Menschen

4. Die Geschichte der Zahlen

5. Die Geschichte der Schrift

6. Die Geschichte eines harmonischen Staates (Blutkreislauf)

Im Advanced Montessori Course 1957/58, der von Mario Montessori geleitet wurde, finden sich wohl die oben genannten Themen, aber außer der „Geschichte des Universums“ und der „Geschichte eines harmonischen Staates“ sind diese nicht für Kinder ausformuliert. Stattdessen gibt es aber andere „große Erzählungen“, z.B.: ein „Kosmisches Märchen zum Pflanzenreich“. Diese Tatsachen führen die Referenten zu der Vermutung, dass die kanonisierten fünf/sechs „Cosmic Tales“ nur indirekt auf Maria Montessori zurückzuführen sind und eher auf ihren Sohn Mario oder die spätere AMI-Tradition zurückgehen.

Unabhängig davon halten Petra Wöbcke-Helmle und Thomas Helmle „große Erzählungen“ für wichtig, schlagen aber eine andere Struktur vor (s. Übersicht 6 und Übersicht 7 als pdf-Dateien mit 77 und 81 KB)

Die Referenten fassen die Methodik der KE in fünf „Säulen“ zusammen (Übersicht 8 als pdf-Datei mit 86 KB):

1. „große und kleine Erzählungen“

2. Freiarbeit mit den Entwicklungsmaterialien

3. Natur-, Kulturbegegnungen

4. Freiarbeit mit Experimenten

5. Gestaltung der sozialen Umgebung, Zeit für die Gruppe

Diese methodische Struktur soll zu selbständigem thematischen Arbeiten führen. Die Arbeit mit Materialien ist nach Meinung der Referenten nur ein Teil des methodischen Spektrums der Montessori-Arbeit in der Arbeit mit 6 bis 12-Jährigen und ist nur als „Mittel zum Zweck“ zu sehen.

Dabei geht es nicht um reines Faktenwissen, sondern um den Aufbau von Haltungen mit dem Ziel der Wahrnehmung der Verantwortung gegenüber der Schöpfung (Montessori spricht von der „Liebe zu den Kindern und zum Universum“) und der Fähigkeit zum friedlichen Zusammenleben in der „nazione unica“.

Im letzten Teil Ihres Vortrages stellten die Referenten eine Übersicht über die Gewichtung der KE in den Kurs-Konzepten verschiedener Anbieter vor. Dabei wurde deutlich, dass in den „nationalen Kursen“ der DMG und der Aachener Vereinigung Themenbereiche, die für 6 bis 12-Jährige wichtig sind, nur andeutungsweise vorkommen. Wären Astronomie, Erdgeschichte, Geographie, Biologie Menschheits- und Kulturgeschichte (prozentual) vergleichbar berücksichtigt wie in internationalen Kursen, müsste ihnen ein Zeitraum von etwa 60 Unterrichtsstunden eingeräumt werden.

Quellen und Literatur:

Deutsche Montessori Gesellschaft: Zeitschrift „Das Kind“ (die letzten beiden Ausgaben, KE 1 und 2)
Ela Eckert: Maria und Mario Montessoris Kosmische Erziehung - Vision und Konkretion, Klinkhardt, Bad Heilbrunn, 2001
Michael und D’Neil Duffy: Children of the Universe - Cosmic Education in the Montessori Elementary Classroom, Parent Child Press, Hollidaysburg, PA 16648, USA, 2002
T. Helmle und P. Wöbcke-Helmle: Kosmische Erziehung und sachunterrichtliche Bildung in “Montessori-Schulen und ihre Didaktik” von Harald Ludwig, Schneider Verlag Hohengehren, 2004
Axel Holtz: Ethik der Montessori-Pädagogik - Studien zur Kosmischen Erziehung, Kinders-Verlag Ulm, 2003
Fred Kelpin auf seiner Website: www.kelpin.nl
J. Miller/C. Grazzini: Übersicht über KE in „What is Montessori Elementary?“ herausgegeben von David Kahn, NAMTA, 1995, erhältlich bei Nienhuis, NL-Zelhem
Maria Montessori: Kosmische Erziehung, Herder, Freiburg 1988
Maria Montessori: To Educate the Human Potential
Montessori-Vereinigung Aachen e.V.: Zeitschrift Montessori
Brigitte Ockel: Materialbuch vom Advanced Montessori Course London 1957/58 - herausgegeben und eingeleitet von P. Wöbcke-Helmle und T. Helmle, ab Frühjahr 2005 als E-book bei Wurster-Lehrmittel, Schwäb. Hall, erhältlich

Im anschließenden Workshop wurde die Bedeutung der großen Erzählungen am Beispiel der „Entstehung des Lebens auf der Erde“ demonstriert und durch die Vielfalt der zur Verfügung stehenden Materialien allen Teilnehmern be-greif-lich.

Beginnend mit der individuellen Auseinandersetzung mit den Pflanzen aus der Umgebung des Tagungshauses mit vielfältigen Handlungsangeboten (wie Vergleichen und Sortieren nach unterschiedlichsten Kriterien, Klassifizieren nach der botanischen Kartei mit Hilfe der „Biene“, Einsatz der botanischen Puzzles, Arbeit mit Zusatzkarteien, Mikroskop-Einsatz, Einsatz von Bestimmungsbüchern und Zusatzmaterialien, Zuordnungen von Pflanzen, Versteinerungen und Figuren zur Urwelt-Kette, etc.) vollzog sich in der Erzählung von der Entstehung des Lebens auf der Erde für alle Teilnehmer sehr plastisch und unmittelbar (mittels unterschiedlichster Anschauungsmaterialien) die Explosion des roten Riesen und die Entstehung der Sonne und der Planeten, die Erde entstand, Wasser kam auf die Erde, Sauerstoff bildete sich, das Wasser klärte sich, neues Leben konnte entstehen, Sauerstoff wanderte in die Atmosphäre, die ersten Pflanzen und Tiere gingen an Land, neue Pflanzen- und Tierformen entstanden, die Saurier lebten und starben aus, neue Arten breiteten sich aus: Vögel, Säugetiere, Blütenpflanzen, der Mensch entstand.

Auf Wunsch der Teilnehmer wurde die von Helmles neu konzipierte Zeitleiste “Linien des Lebens“ sowie mögliche Zusatzmaterialien (Tierbilder, Tierfiguren, Versteinerungen, Material zur Plattentektonik, den erdgeschichtlichen Katastrophen etc.) vorgestellt. Verwiesen wurde auf weitere Ergänzungsmöglichkeiten durch die Hinzunahme von Karteikarten zur Erdurzeit, Vergleiche mittels der Urweltkette, usw.

Und erstmals wurde für viele der faszinierten Zuschauer die Unterscheidung von Bakterien und Einzellern „fassbar“, die, erneut anschaulich von einer Erzählung und einem Material begleitet, in verschiedenen Kombinationen zu allen Grundformen des Lebens (tierische, pflanzliche, pilzliche Einzeller) führten, indem erstmals die echte Vermehrung i.S. der Weitergabe von „Genen“ stattfand - Sexualität!

Vielen Dank für spannende und lehrreiche Stunden!

Christa Kantner

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