Montessori
Landesverband
Baden-Württemberg e.V.

Mündliche Sprache und Schrift fördern

Zur Kooperation zwischen Kindertageseinrichtung und Schule


Vortrag von Fr. Prof'in Dr. I. Füssenich,
Fakultät für Sonderpädagogik, PH Ludwigsburg
im Rahmen des Montessori-Jahrestreffens 2005 in Wernau

Zu Beginn ihres Vortrages wies Fr. Prof'in Dr. Füssenich auf die Veröffentlichung der nachfolgenden Ergebnisse ihres Forschungsprojektes "Analphabetismus in der Primarstufe" im Reinhardt-Verlag (Füssenich/Löffler: Schriftspracherwerb, Buch und Materialband) hin und berichtete von der geplanten Fortführung des Projektes für Kindertageseinrichtungen.


1. Fragestellung des Forschungsprojekts Prävention von Analphabetismus in den ersten beiden Jahren

Primäres Ziel des Projektes, welches mit 2 anderen Projekten der Pädagogischen Hochschulen in Schwäbisch Gmünd (Ausbau von Lesestrategien) sowie Ludwigsburg (zur Grundschulfähigkeit) vernetzt ist, ist die Feststellung der Lernvoraussetzungen zum Schriftspracherwerb bei Kindern um die Einschulung, um drohende Lernschwierigkeiten erkennen und ihnen mit adäquaten Förderangeboten frühzeitig begegnen zu können.

Die entsprechende Diagnostik erfolgt als Eingangsdiagnostik kurz nach der Einschulung und nach einem halben Jahr in den Kategorien:

· Wahrnehmung von Schrift
· Buchstabenverständnis, Begriffskenntnis, Wortschatz
· Aufbau von Schrift/Segmentierungsfähigkeit, Phonologische Bewusstheit


2. Schulfähigkeit - was ist das?

In einem Exkurs schilderte Fr. Prof'in Dr. Füssenich die Entwicklung der Schulfähigkeit vom Mittelalter (Apfel-Münz-Test) über medizinische Reifekriterien (über Kopf mit der Hand ans gegenüberliegende Ohr fassen können) hin zur Begabungstheorie (Kriterien: Körperlichkeit, Sozialfähigkeit, Selbststeuerung, Persönlichkeit, Sprache, sachstrukturelle Entwicklung), welche inzwischen um den Einfluss von Umweltfaktoren ergänzt wurde.

Im Vordergrund stehen heute nicht mehr eng definierte Kriterien, sondern die grundsätzliche Fähigkeit und das Recht des Kindes, das Erziehungs- und Bildungssystem der Schule zu nutzen. Dies erfordere ein System von Schule, das in der Lage sei, die Lernfähigkeit beim Kind zu entwickeln, sich also auf das Kind und seine Lernvoraussetzungen hin entwickeln müsse, um eine bestmögliche Passung zwischen sprachlich-kognitiven Voraussetzungen beim Kind und den schulischen Anforderungen zu gewährleisten.


 
3./4. Sprachlich-kognitive Voraussetzungen von Kindern um die
Einschulung/Lernbiografien

Der Erwerb metasprachlichen Wissens vollzieht sich in folgenden Stufen:
· Metakommunikative Äußerungen, Nachfragen
· Übergang von der Metakommunikation zur Extrakommunikation mit Freude an Sprachspielen und Reimen
· Extrakommunikation, Abstraktion z.B. im Grammatik- und Rechtschreibunterricht

Die Analyse der sprachlich-kognitiven Voraussetzungen der Kinder im Schuleingangsbereich erfolgte im Rahmen des Forschungsprojektes
unter folgenden Gesichtspunkten:
· Aussprache
· Grammatik
· Bedeutung/Semantik
· Sprachverwendung/Pragmatik
· Schriftsprache

Ergebnis: Kinder mit späteren Problemen beim Schriftspracherwerb stellen keine Fragen, wundern sich nicht, bilden kaum Neuschöpfungen, benutzen häufig Elemente vorsprachlicher Kommunikation (das da), antworten ausweichend oder mit Ganzheiten (weiß nicht), umschreiben oder ersetzen Wörter etc..


5. Beobachtungsaufgaben für die Einschulung

a. Wahrnehmung von Schrift
Fragestellung: Wie nimmt das Kind Zeichen und Schrift in seiner Umgebung wahr?
Diagnoseinstrumente: gezinktes Memory (mit großen Druckbuchstaben auf der Rückseite), Embleme

b. Kenntnis von Begriffen
Fragestellung: Kennt das Kind bereits Buchstaben, kann es mit der Bezeichnung "Buchstaben" etwas anfangen?
Diagnoseinstrumente: Leeres Blatt (zum Aufschreiben aller Wörter, die es kennt, durch das Kind), Zeichen kategorisieren (Karten der Struktur Buchstabe-Wort-Zahl in entsprechende Kästen einordnen lassen)

c. Einsicht in den Aufbau von Schrift
Fragestellung: Kann das Kind Sprache segmentieren/gliedern?
Diagnoseinstrumente: Reime erkennen, Silbensegmentierung, Anlaute heraushören

 
6. Konsequenzen für die Förderung
Diagnose ist nur hilfreich, wenn auch entsprechende Konsequenzen für die Förderung gezogen werden. Die zur Feststellung der Lernvoraussetzungen zum erfolgreichen Schriftspracherwerb eingesetzten Diagnoseinstrumente können ebenfalls zu deren Förderung eingesetzt werden:

a. Wahrnehmung von Schrift
Gezinktes Memory: mehrere Kinder gemeinsam spielen lassen, Anpassung des Schwierigkeitsgrades (die Wörter haben unterschiedliche Länge, haben alle den gleichen Anfangsbuchstaben, sind Minimalpaare...)
Embleme: Orientierung an Zeichen, Ganzwörter lesen, Wo steht..., gemeinsam lesen

b. Kenntnis von Begriffen
Leeres Blatt: bemalen, beschreiben, beschriften lassen, Gemeinschaftsarbeit
Kategorisierung von Zeichen/Begriffskenntnis: Wortschatzarbeit, Eigenschöpfungen bilden, Sprachspiele, Strategien (z.B. Fragen) erlernen, Schneiden, Malen, Lesen, Schreiben...

c. Einsicht in den Aufbau von Schrift
Auch hier spielen der Bedeutungserwerb und die Wortschatzerweiterung sowie die Anbahnung von Strategien im Umgang mit Sprache (Fragen stellen, Eigenschöpfungen bilden...) eine grundlegende Rolle.
Reime erkennen: Minimalpaare mit Schrift bilden, Wörter "verzaubern" Lieder, Reime ergänzen
Silbensegmentierung: Klatschen der Namen
Heraushören von Anlauten


Liebe Fr. Prof'in Dr. Füssenich, vielen Dank für den informativen und spannenden Einblick in Ihre Forschungstätigkeit!


Christa Kantner

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